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Lucas Niggli - drums/percussion

Pressestimmen

Biondini - Godard - Niggli - Spiellust, Horizont – und großes ästhetisches Gespür.15.10.2013 / Bayrischer Rundfunk, zur CD " Mavì"
Biondini - Godard - Niggli
Spiellust, Horizont – und großes ästhetisches Gespür.

Hier trifft geistsprühende Spiellust auf einen besonders weiten Horizont. Die Musiker dieses Trios bilden ein Italienisch-französisch-schweizerisches Ensemble, das groovenden modernen Jazz mit Folk- und Barockmusik-Anleihen zu einer enorm-intensiven Trio-Kammermusik verschmilzt – und dabei ganz beiläufig über die Stilgrenzen hinausweist. Denn diese Musik ist so gut gespielt und so vielseitig, dass es ganz egal ist, wie man sie nennt.

Der Reiz liegt schon einmal in den Klangfarben einer nicht ganz handelsüblichen Instrumenten-Kombination. Luciano Biondini aus der italienischen Provinz Perugia spielt Akkordeon, Michel Godard aus der ostfranzösischen Region Franche-Comté teilt seine vielen Fertigkeiten auf die Tuba, den E-Bass und das historische, schlangenförmig gewundene Bass-Instrument Serpent auf – und der im Zürcher Oberland lebende Lucas Niggli lässt auf dem Schlagzeug die Rhythmen  dazu tanzen. Heraus kommen Töne von melancholisch verhangener Schönheit und von wirbelnder Intensität. „Mavì“ heißt die CD. Im Türkischen heißt das „Blau“ und laut dem Infotext des Labels ist hier ein besonders klares Blau gemeint, „jene Farbe, die man sieht, wenn man die Erde vom All aus betrachtet“.

Das Zuhören ist dabei ein mitreißender Spaß für Entdeckungsfreudige. Wuchtig brummend legt die Tuba los zu spannungsgeladenen Klängen des Akkordeons und geballtem Drive von Trommeln und Becken. Was so beginnt, führt in viele Klang-Landschaften: gleich darauf eine ganz elegische etwa, wo ein sanfter Wind zu wehen scheint – mit ganz zartem Akkordeon und den heiser flüsternden Tönen des Serpents. Um daraufhin gleich munter bewegte Stimmungen zu schaffen mit einem Stück namens „Dreaming Dancers“. Von dort aus geht es weiter mal in jazzig-lyrische Gefilde mit einem geliehenen Stück des amerikanischen Star-Pianisten Brad Mehldau, mal in die Welt der Barock-Oper mit der berühmten Arie „Lascia ch’io pianga“ aus Georg Friedrich Händels „Rinaldo“, die in der Mitte den Klagegesang der gefangenen Opernfigur Almirena umdeutet und mit gelösten Rhythmen wohl schon auf das Happy End vorausweist. Und schließlich gibt es dann noch ausgesprochen witzig gesetzte Kontraste mit Ausflügen ins Geräuschmusikalische in Kollektiv-Aktionen zum ganz genauen Hinlauschen, einem Virtuosenstück aus der Feder von Mundharmonika-Spieler Toots Thielemans ("Bluesette") sowie Michel Godards wunderschöner Eigenkomposition „A Trace of Grace“, die manche schon aus einer anderen CD von ihm kennen – und die hier zu einem ungemein leisen, poetischen Schlussklang wird. Ein Stück, das durchaus zu Tränen rühren kann, erst recht in dieser Aufnahme.

Klangvielfalt, ein spannend gemischtes Repertoire und eine musikalische Beweglichkeit, die in jedem Takt zu spüren ist: Das zeichnet diese Aufnahmen dreier großer Improvisatoren aus Europa aus. Und immer wieder verblüffend, wenn der Mittlere im Bunde, der Tiefton-Spezialist Michel Godard, mitten im Stück vom Serpent auf die Tuba oder von einem dieser beiden auf den E-Bass wechselt: Das geschieht so organisch, dass man es oft erst mit Verzögerung merkt – dann, wenn eine der vielen gelungenen Stimmungen auf dieser CD sich in eine neue verwandelt hat, die ebenfalls fasziniert. Spiellust, Horizont – und großes ästhetisches Gespür.

Roland Spiegel

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