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Lucas Niggli - drums/percussion

reviews

Lucas Niggli Drum Quartet: Beat Bag Bohemia - Trommeln Total22.09.2008 / Neue Zürcher Zeitung
Lucas Niggli Drum Quartet: Beat Bag Bohemia
Trommeln Total

Lucas Nigglis Rückkehr nach Afrika
Die Geschichte des Schlagzeugs im Jazz ist die Geschichte seiner Emanzipation. Vom sturen Takthalter entwickelte es sich zum immer flexibleren Begleiter, um in den modernen Stilformen solistische Aufgaben zu übernehmen und gleichberechtigt neben Saxofon oder Piano zu treten.

Art Blakey erkannte am frühesten den Trend. Der amerikanische Stardrummer träumte schon in den fünfziger Jahren von «Orgie in Rhythmus» und gründete 1962 die erste Gruppe, die ausschliesslich aus Schlagzeugern bestand. Sein Afro-Drum Ensemble wurde zum Prototyp für alle weiteren Trommel-Orchester. Auch Jazz-Drummer aus der Schweiz liessen sich davon inspirieren. Von Peter Gigers Family of Percussion über Pierre Favres Singing Drums bis zu Reto Webers Percussion Orchestra haben alle das Potenzial reiner Perkussionsmusik erkundet.

   In Favres Gruppe sammelte ein junger Schüler erste Erfahrungen mit dieser Besetzung: Lucas Niggli. Dieser hat sich mit seinen Gruppen Zoom und Big Zoom unterdessen selber als origineller und vielseitiger Exponent der Schweizer Jazzszene profiliert. Jetzt erweitert Niggli abermals sein Spektrum, indem er den Faden reiner Perkussionsmusik wieder aufnimmt. Wie Blakeys Afro-Drum Ensemble steht auch Beat Bag Bohemia mit einem Bein in Afrika. Nicht nur deswegen, weil Niggli 1968 in Kamerun geboren wurde und dort seine Kindheit verbracht hat; vielmehr kommen zwei der Mitglieder vom Urkontinent der Trommeln. Rolando Lamussene (Moçambique) und Kesivan Naidoo (Südafrika) schlagen die schwarzen Polyrhythmen mit federndem Groove und pulsierendem Swing. Peter Conradin Zumthor und Niggli bilden das europäische Gegengewicht.

   Zumthor spielt das Schlagzeug mit Energie und grossem Farbenreichtum. Im Gegensatz dazu trägt Niggli als Bandleader Sorge für die übergreifende Dramaturgie. Mit deutlichen Akzenten lenkt er die Musik immer wieder in eine andere Richtung. Nur die Grundelemente sind festgelegt. «Bei den Auftritten soll ein eher anarchistischer Zustand herrschen, wo intuitive Ausbrüche möglich sind», umreisst Niggli seine Vision. «Lieber riskieren wir, dass einmal etwas schiefläuft, als dass wir auf Nummer sicher gehen.»

   Nigglis Trommelmusik ist von einer Qualität, die selbst eingefleischte Jazzpuristen überzeugen sollte. Mit einem riesigen Arsenal an Trommeln, Gongs, Becken und anderen Perkussionsinstrumenten wird eine Vielfalt an Klangfarben, Rhythmuswechseln und dynamischen Kontrasten gestaltet und das melodische und harmonische Defizit ausgeglichen. «Holz, Metall, Felle - es sieht nicht gut aus!», so hat Max Roach illusionslos die Herausforderung des Schlagzeugs beschrieben. Beat Bag Bohemia hätte ihm Anlass zur Hoffnung gegeben.

Christoph Wagner

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